„Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“
(Paul Klee: Schöpferische Konfession. 1920.)
Zaunkönigs Zepter
Ihrem Lyrikband „Zaunkönigs Zepter“ (2025) stellt Carla Schwiegk zur Einführung Zeilen voran, in denen sie darüber nachsinnt, was ein Gedicht zum Gedicht macht. Sie schreibt: „Ein Seelchen, so ein Gedicht. Seinen Körper hat's in den Köpfen.“ (S. 05.) Den Begriff der „Seele“ herbeizuholen, der bei Aristoteles wie bei Hegel zu den grundlegenden Kategorien zählt, um den Menschen in seinem Person-Sein zu entdecken, ist sicher ein Glücksgriff, der aber noch gesteigert wird, indem sich die Rede von der Seele in das „Seelchen“ und dadurch in den geistigen Funken des menschlichen Miteinanders verwandelt. Im zweiten Satz fällt vor allem auf, dass die Autorin nicht nur von einem Kopf, sondern von vielen Köpfen spricht, durch die einem Gedicht sein Körper verliehen wird. Und sofort klingt mir Pirmin Stekeler im Ohr, der in seinem Buch „Denken“ (2012) wie Martin Heidegger auf Heraklit zurückgegangen ist und sich nun aber bei dem Urvater des Philosophierens einen Gedanken herausgeholt hat, den sein Philosophen-Kollege in seinen großartigen Heraklit-Vorlesungen von 1943/44 nicht so sehr beachtete. Dabei geht es um die Köpfe, um die vielen Köpfe der Menschen und um den Gedanken „dass der menschliche Geist nicht im Kopf sitzt, sondern zwischen den Köpfen, nämlich als kooperative Form humanen Lebens“. Ich lese Carla Schwiegk also von dem Buch „Denken“ des Leipziger Philosophen Stekeler her. Deshalb imponiert mir so sehr, dass sie in die Beschreibung des Leibes der Lyrik ausdrücklich die Zuhörerschar einbezieht, die treu zu ihren Lesungen kommt und ebenfalls die Lektüregemeinde im Blick hat, die ihre oft selbstgebundenen Gedichtbände kauft und sich auch hier in die Seelenlandschaften ihres Erzählens vertieft. Wie sich das Denken nicht auf physikalische Signale im Gehirn reduziert, sondern des Raumes der Worte, der Begriffe, der Sprache bedarf, stecken sowohl Romane als auch Gedichte in und zwischen den Köpfen der Vielen, die sich das Gehörte oder Gelesene zu eigen machen. In dem Band „Zaunkönigs Zepter“ sind 49 Gedichte versammelt; durchweg Arbeiten, die zu Recht als „Seelchen“ angesprochen werden können, weil beim Lesen wieder und wieder der Funke des Erstaunens, die Freude des Entdeckens und das Aha der ungewohnten Perspektive ausgelöst wird.
Kunst macht sichtbar
In dem Band „Zaunkönigs Zepter“ ist ein Künstlerpaar in Text und Bild vereint. Ich empfinde es als eine großartige und glückliche Fügung, dass beide – sie und er - einen Leitsatz beherzigen und leben, den Paul Klee an den Anfang seines Essays „Schöpferische Konfession“ (1920) gestellt hat. Der Bauhauskünstler schreibt: „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“ In dem Lyrikband veranschaulicht ein Exempel aus der Vogelwelt auf treffliche Weise das Miteinander des sprachlichen Aufzeigens im Gedicht und des visuellen Zeigens in der Zeichnung. Neben dem Gedicht „Gedächtnispalast“ von Carla Schwiegk ist in der Zeichnung von Matthias Jackisch ein Vogel zu sehen. (S. 27.) Mit großem Schnabel. Im Grunde eine heftige Überraschung, denn neben einem Gedicht mit dem Titel „Gedächtnispalast“ könnte man die Umrisse eines Menschenkopfes erwarten. Das ist in der Zeichnung aber nicht der Fall. Ein denkender Mensch ist nicht zu entdecken. Deshalb nicht, weil im Gedicht von einem schwarz gefiederten Tier die Rede ist. Um einen Raben geht es. Daher schaut der Rabe aus der Zeichnung auch hin auf die linke Seite mit den beiden Zeilen von Carla Schwiegk: „Auf einem der Parabel-Äste hockt ein Rabe – Schnittpunkt steigender Funktionen.“ (S. 26.) In der Zeichnung von Matthias Jackisch sprechen aus der Körperhaltung des Vogels Wachheit und Würde, die sich aber streitbar zum kraftvollen, scharfen und somit gefährlichen Schnabel zuspitzen. Im Gedicht wiederum steckt aber auch eine Zeigegeste. Unseren Blick richten wir als Leserin und Leser hin zum Rand einer Lichtung. Dorthin, wo der Rabe hoch oben in der Baumspitze in einer Astgabelung sitzt, die sich zur aufsteigenden Parabel fügt. Der Sitzplatz des Raben wird gezeigt. Das Gedicht hat mit Baumarchitektur und somit auch mit Mathematik zu tun. Vor allem aber zeigen die beiden Zeilen eine Eigenheit pfiffiger Wesen. Sie besitzen das Vermögen des Sehens. Bei Menschen wie Tieren wirken beim Sehen Gedächtnis und Überschau zusammen. So ist es auch das Markenzeichen eines Raben, dass er von seiner Baumkrone aus das Treiben von Tier und Mensch oder von Freund und Feind in einer Lichtung unter ihm aufmerksam zu beobachten vermag. Diese schwarzen Gesellen sind seit menschlichen Urzeiten berühmt dafür, wie aufmerksam sie einen Raum, einen Palast des Sichtbaren und Offenen durchmustern können. Sie erschaffen sich doch wohl auch „Gedächtnispaläste“. Die Vokabel „Gedicht“ hat mit Gedanke und Gedachtem, mit Gedenken und Bedenken sowie mit Dichten und Dichtung zu tun. In Gedichten entfalten sich Zeile für Zeile Geschichten und es offenbaren sich aber auch Beobachtungen, wie die vom wachsamen Raben am Rand des Waldes hoch oben in der Baumparabel.
Paradoxon von Ente und Hase
Bilder sind mehrdeutig, aber auch die Begriffe, mit denen wir sprechen, sind alles andere als eindeutig. Die Entdeckung der Vieldeutigkeit der Sprache ist eine der großen und unvergänglichen Leistungen des Philosophen Ludwig Wittgenstein, der den literarischen Zeitgenossen und expressionistischen Dichter Georg Trakl schätzte. Wollen die Vertreter der sogenannten exakten Wissenschaften es oft nicht wahrhaben, dass ihre Sprache vieldeutig ist, wird jedoch in der Dichtung gerade die Doppelsinnigkeit von Begriffen zum Medium der Kunst. In dem Gedicht „Vom Laub“ erzählt Carla Schwiegk von Menschen, die keine Ruhe haben, ehe sie das Laub zusammengeharkt haben. Sie setzt die Zeilen dagegen: „Ich reche nichts. / Ich sitze still. In Blattgold / mein Garten.“ Die in dem Gedicht berichtete Geschichte spielt mit dem sprachlichen Phänomen, dass die Verben „rechen“ für harken und „rächen“ für bestrafen etwas sehr Verschiedenes bedeuten, aber in der Lautsprache gleich klingen. Ferner kann das Eigenschaftswort „ungerecht“ sowohl dafür stehen, dass ein Garten nicht geharkt worden ist als auch für ein Fehlurteil in der gerichtlichen Praxis. So kann die Autorin schildern: „Ja, denke ich, / es gibt ganze Wälder Ungerechtes. / Und so viele, die darin spazieren.“ (S. 49.) Für diesen Effekt, dass die Linien eines Bildes oder die Begriffe eines Satzes nicht nur Verschiedenes, sondern gar Gegensätzliches ausdrücken können, interessierte sich Wittgenstein in seinen „Philosophischen Untersuchungen“ (1935 - 1945). Er zeichnete sich das Bild in das Manuskript, bei dem ich jetzt einen Hasen und dann ohne eine Veränderung der Linienführung eine Ente erblicke. Wie wir eine Zeichnung als Hasenkopf oder als Entenkopf sehen können, ergeht es uns mit dem Eigenschaftswort „ungerecht“, das wir erst als Ausdruck für Ungeharktes, dann aber auch als Ausdruck für Ungerechtigkeit verstehen können. Woraus nun aber folgt, dass unser Verstehen alles Andere als eine triviale und eindeutige Angelegenheit ist.
Seit ein Gespräch wir sind
Sie treffen sich unter den hohen Bäumen: Carla Schwiegk und Friedrich Hölderlin. Der schwäbische Philosoph und Dichter, der Freund von Hegel und Schelling, feiert „Die Eichbäume“ mit den Worten: „Und ihr drängt euch fröhlich und frei, aus der kräftigen / Wurzel, / Untereinander herauf und ergreift, wie der Adler die / Beute, / Mit gewaltigem Arme den Raum, und gegen die Wolken / Ist euch heiter und groß die sonnige Krone gerichtet.“ Um die Eichen geht es Hölderlin, von denen es im Volksmund bis heute heißt, dass sie 300 Jahre kommen, 300 Jahre stehen und 300 Jahre gehen. Die sächsische Lyrikerin lebt in Tharandt. Sie antwortet Hölderlin in dem Gedicht „Lehrstück“: „Lehre mich, Baum, wie man Eisen frisst, / Kerbholz ist und Hiebe verwächst / oder vom Stumpfe Neues treibt.“ Und weiter im Rhythmus des Erstaunens über die Eichbäume und das Anpassungsvermögen ihrer Waldkollegen: „Lehre mich, wie man zu Berge steht, / jedwedes behaust und standhaft bleibt, / aber sich vor den Wettern neigt.“ (S. 18.) Seelenverwandtschaft mit Hölderlin leuchtet nun aber auch auf, wenn Carla Schwiegk Gedicht und Dichtung mitten im Seelenleben der Menschen und zwischen den Köpfen der Vielen verortet. Dabei geht es um den einen Gedankengang, den Martin Heidegger in seiner ersten Vorlesung nach dem Erlöschen des Lehrverbots an der Universität Freiburg aus dem lyrischen Werk Hölderlins herausgemeißelt hat. In seine Vorlesung mit dem Titel „Was heißt Denken?“ (1951 – 1953) holte Heidegger den Dichter mit einem Satz aus dem Gedicht „Friedensfeier“ herein. In diesem späten Gedicht formuliert Hölderlin: „Viel hat von Morgen an, / Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander, / Erfahren der Mensch; bald sind wir aber Gesang.“
Was die Menschen zu Menschen macht, das ist ihre Sprache, die sich im Gespräch Ausdruck und Geltung verschafft, wobei aus dem Gespräch immer auch Kunstformen wie Gesang und Gedicht hervorwachsen können. Es geht bereits Hölderlin, aber auch Heidegger in der Vorlesung „Was heißt Denken?“ darum, die Menschen als zeigende Wesen zu entdecken. Heideggers Landsmann Pirmin Stekeler aus Meßkirch arbeitet in seinem Buch „Denken“ (2012) in Leipzig weiter heraus, dass wir uns gerade durch unser Sprechen und im Gespräch zwischen dem Du und dem Ich im Wechsel von Reden und Zuhören, von Frage und Antwort als zeigende Wesen bewähren.
Nicht ganz richtig im Kopfe
Jeder, der ein Auto repariert, aber auch jeder, der einen Artikel verfasst, kennt und durchlebt die mühsame Suche nach Fehlern. Diese Erfahrung ist Carla Schwiegk durch ihr Entwerfen und Schreiben von Gedichten seit vielen Jahren nur zu gut vertraut. Unter der Überschrift „Fehler“ berichtet sie in „Zaunkönigs Zepter“ lakonisch über die Hürden der Fehlersuche: „Man hat sie nicht alle.“ (S. 69.) Das ist ein Gedicht. Trotz der Kürze. Denn dieses „Seelchen“ hat wirklich einen Leib in den Köpfen von vielen, vielen Menschen. Mein ganzes Journalistenleben lang konnte ich suchen und suchen, aber der Fehlerteufel ließ sich meist nicht vollständig überlisten. Man kann die Zahl der Fehler immer nur begrenzen und muss lernen, sich Fehler freundlich zu verhalten. Ansonsten verliert man den Verstand. Daher trifft der Ausruf der Verfasserin von „Zaunkönigs Zepter“ über die Macht des Missgeschicks in unserem Denken und Handeln völlig zu, der da umgangssprachlich und ironisch lautet, dass man sie nicht mehr alle beisammen habe und also nicht ganz richtig im Kopfe sei.
Selbstbiografie von Carla Schwiegk
Der Band „Zaunkönigs Zepter“ erschien 2025 im Umfang von 72 Seiten im Thelem Universitätsverlag in Dresden und München. Die kürzeste Autorenbiografie, die ich je gelesen habe, fand ich auf der Rückseite dieses Buches. Carla Schwiegk schreibt einfach nur von sich: „Ich wurde neunzehnhunderteinundsiebzig geboren und lebe in Tharandt – da, am Rand – am Waldrand. Den Rest weiß nur, der bei mir schläft.“ Der da, der bei ihr schläft, ist ein großartiger Bildhauer und begnadeter Zeichner, der wie Ernst Barlach über ein einzigartiges sprachliches Talent verfügt. Noch dazu baut und spielt er klangvoll Steinflöten und das oft gemeinsam mit Carla Schwiegk.
Der Gedichtband „Zaunkönigs Zepter“ ist bisher die Spitze des Eisberges im lyrischen Schaffen der Autorin, hinter der aber bereits ein solider Bücherstapel steht. Doch auf Weiteres und Neues wird ihr Publikum nicht lange warten müssen. Das „Zepter des Zaunkönigs“ ist inzwischen in die beiden Nationalbibliotheken in Leipzig und Frankfurt am Main und in die Sächsische Landesbibliothek in Dresden eingewandert. Die Rezensionen von Axel Helbig „Poesie ist das Wetterleuchten der Sprache“ und von Patrick Wilden „Herzschlag, Herzschlag“ können auf der Homepage unter Lyrik und Rezensionen eingesehen werden. Vgl. den Link: carla-schwiegk.de . Hier sind ebenfalls Informationen zu den aktuellen Lesungen zu finden.
30. April 2026
Bildnachweis
Abb. 1: Cover Zeunkönigs Zepter
Rechte Thelem Universitätsverlag Dresden
Wir danken für die Erlaubnis, das Cover in diesem Artikel zu nutzen.
Abb. 2: Rabe
Zeichnung von Matthias Jackisch
Wir danken Matthias Jackisch für die Erlaubnis, seine Zeichnung in diesem Artikel zu nutzen.
Abb. 3: Hase-Ente-Kopf. Aquarell Konrad Lindner.
Abb.5: Foto
Rechte Carla Schwiegk
Wir danken Frau Carla Schwiegk für die Erlaubnis, ihr Foto im Artikel zu nutzen.