0. Ein Farbbuch für Wittgenstein
Dem großen Sprachanalytiker Ludwig Wittgenstein aus Wien, der in der Zunft der Philosophen und Logiker des 20. Jahrhunderts zu einem Star vom Rang eines Martin Heidegger aus Meßkirch aufgestiegen ist, habe ich ein Malbuch gewidmet. Zum 75. Todestag am 29. April 2026. Auch ein Aquarell von Wittgensteins Grab in Cambridge mit einem Frühlingsstrauß auf der Steinplatte ist in dem Buch zu finden. (2; S. 287.) Die Studie trägt in Anlehnung an den von Wittgenstein eingeführten Terminus der „Sprachspiele“ den Titel „Farbspiele“. Sie ist im Umfang von 359 Seiten im Angelika Lenz Verlag in Neu-Isenburg erschienen. In dem Buch werden Text und Bild vereint. In den zurückliegenden Jahren habe ich Artikel zur Geschichte der Malerei von Albrecht Dürers Aquarell Das Grosse Rasenstück (1503) über Vincent van Gogh's Sonnenblumen (1888) und Karl Schmidt-Rottluffs Malven am Haus (1926) bis Bernhard Heisigs Stilleben mit verwelkten Chrysanthemen (1972) verfasst; vor allem aber malte ich Blumen und Landschaften sowie Meeresszenen, so dass in dem Buch für Wittgenstein ebenfalls 122 eigene Bilder versammelt sind. Dabei handelt es sich in der Mehrzahl um Aquarelle, aber auch um einige Acrylarbeiten.
Meine Erfahrung aus einem Jahrzehnt des Malens nach dem Wechsel in den beruflichen Ruhestand ist die, dass ich mich beim Entwerfen, Gestalten und Betrachten von Bildern sowohl mit dem Künstler Emil Nolde als auch mit dem Philosophen Ludwig Wittgenstein über Farbspiele und über das Malen austauschen kann. Bei der praktischen Gestaltung von Bildern ist zum Beispiel von Nolde sehr gut zu lernen, dass mit dem Pinsel deutliche Hell-Dunkel-Kontraste gesetzt werden sollten, damit die Farben der Blüten besser hervortreten. Ein künstlerisches Handeln mit Farben auf dem Malkarton hinterlässt aber auch Fragen. Malen ist kein geistloses Handwerk. Wer gegensätzliche Farbkleckse ins Bild setzt, denkt irgendwann auch über Raumtiefe und Bildaufbau nach. Aber damit ist es nicht schon genug. Denn es erwachsen aus der künstlerischen Praxis auch Fragen nach dem Wechselspiel und nach der Ordnung der Farben, über die nicht nur die großen Bauhauskünstler Wassily Kandinsky, Paul Klee und Johannes Itten nachgedacht haben, sondern zu denen auch der Logiker und Philosoph Wittgenstein im Verlauf seines lebenslangen Schreibens höchst spannende Farbnotizen angefertigt hat. Nicht von Ungefähr notierte Wittgenstein am 11. Januar 1948 den Satz: „Farben regen zum Philosophieren an.“ (03; S. 15.) Im Dialog mit Wittgenstein wollte ich in dem Buch „Farbspiele“ zeigen, dass reale Bilder zum Nachdenken über den Dialog der Farben auffordern können und dass ebenfalls das Philosophieren über Farben zu einem Malen anregen kann, das Bilder mit einer philosophischen Note zum Ergebnis hat.
2. Im Fliegenglas der Sprache
„Was ist dein Ziel in der Philosophie?“, fragt Wittgenstein in Paragraph 309 seiner Philosophischen Untersuchungen. Er antwortet: „Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen.“ (5; S. 238.) Ein Fliegenglas ist ein Behältnis, das unten einen Eingang hat, den die Fliege passieren kann. Will die Fliege das Glas nun aber wieder verlassen, fliegt sie immer wieder gegen die Wände, kommt aber nicht auf die Idee, zum offenen Eingang zurück zu krabbeln. Wittgenstein möchte mit seinem Gleichnis ausdrücken, dass wir in unserer Sprache gefangen sind. Wir stecken in unserer Sprache, bemerken es aber nicht. Was wir für wirklich halten, ist immer nur das uns bereits sprachlich vermittelte Wirkliche. Häufig ist uns nicht einmal bewusst, dass Sprache immer vieldeutig ist. Nicht nur in der Alltagsprache, sondern auch in den Sätzen der Wissenschaften geht es höchst vieldeutig zu. Sprache ist ein durch und durch lebendiger Organismus. Wir haben uns in der Philosophie seit Jahrtausenden Begriffe wie Materie und Gott, Welt und Kosmos, Natur und Geist gebastelt, vergessen aber, dass derartige Allgemeinbegriffe immer nur sprachliche Konstrukte sind und keine realen Subjekte des Wirklichen ausmachen. „Geist“ wie „Gott“ lassen sich immer nur in den sprachlichen Handlungen der Menschen entdecken und schweben nicht in überirdischen Wolken. Mit der starken Metapher vom Fliegenglas wird sichtbar, dass für Wittgenstein Philosophie erst dann zur Philosophie wird, wenn sie zur Philosophie der Sprache aufsteigt und eine systematische Analyse unseres sprachlichen Handelns betreibt. Was den Menschen zum Menschen macht und was ihn vom Tier unterscheidet, das ist für Wittgenstein die Sprache. Um nun aber die Brücke bis hin zur Malpraxis zu schlagen, ist es wichtig zu beachten, dass Wittgenstein sein erstes großes Werk während des Ersten Weltkrieges aus der Philosophie der Mathematik heraus verfasste. Ihn faszinierte die Mathematik als Wissenschaftssprache. Wittgenstein fasste bereits während der Arbeit am Tractatus logico-philosophicus sowohl Zahlen als auch Worte und ebenfalls Farben als Elemente von Zeichensystemen auf. Denn: Zahlen gehören zu Mengen. Worte gehören zu Sätzen. Farben gehören zu Bildern.
Es war ein Geniestreich, der sich nur im Laufe von Jahrhunderten ereignet: Worte wie Zahlen und Farben wurden bereits vom frühen Wittgenstein als symbolische Formen angesprochen. In seinem großen Werk über Farbthemen im Nachlass von Ludwig Wittgenstein lokalisiert Josef G. F. Rothhaupt die erste Farbnotiz bereits vor dem Ersten Weltkrieg und zwar im April 1914 in Norwegen. Bereits hier geht es um die Helligkeitsgrade der Farben. Wittgenstein notiert den Farbsatz: „one colour is darker than another“. (3; S. 18.) Die eine Farbe ist dunkler als die andere Farbe. - Im Schaffen Wittgensteins ziehen sich die Aussagen über die Abstufung der Helligkeit der Farben vom April 1914 bis zum April 1951 und das heißt angefangen vom Tractatus logico-philosophicus über die Philosophischen Untersuchungen bis in die Bemerkungen über die Farben hindurch.
3. Sprachspiele über Farbspiele
Farbspiele werden von Wittgenstein in unserem Gesichtsfeld verortet und als subtile Manifestationen von Beziehungen analysiert. Immerhin verschafft sich das Mit- und das Gegeneinander der Farben in unserem Sprechen einen unverkennbaren Ausdruck. Aus der analytischen Perspektive Wittgensteins sind Farbspiele weder nur physikalische Gegebenheiten (Spektren) noch nur psychologische Phänomene (Wahrnehmungsqualitäten des Auges), sondern geistige und das heiß personale wie praktische Ereignisse im Menschenleben, die folglich immer auch als Sprachspiele zu untersuchen sind. Zum Beispiel können wir über die Differenz von Helligkeiten sprechen oder über den Gegensatz von durchsichtigen und undurchsichtigen Farben reden. Als ich am 17. Oktober 2024 den Pavillon im Schlosspark Lützschena aquarelliert habe, notierte ich dazu einen Satz Wittgensteins vom März 1951: „Auf der Palette ist das Weiß die hellste Farbe.“ (6; S. 09.) In dem Aquarell des Parkes bilden die Säulen und das Dach des Pavillons ein Leuchtzentrum, weil das Grün des Waldes dunkler ist als das Weiß des Bauwerks. (2; S. 4.) Durch den dunkleren Hintergrund beginnt der Pavillon zu leuchten. Wir betrachten bei einem Aquarell die Farben also nicht isoliert und für sich, sondern in ihrer Differenz und in ihrem Dialog. Wittgenstein lenkt die Aufmerksamkeit in seinen Notizen auf die Beziehungen, auf das Gespräch, auf den Dialog der Farben. Besonders häufig formuliert er Sätze, wie: „x ist heller als y“ oder „y ist dunkler als x“. Im Aquarell vom Schlosspark wird das Weiß als die hellste Farbe des Bildes gefeiert und wir können an einem künstlerischen Beispiel beobachten: Weiß ist heller als Grün.
4. Mannigfaltigkeit der Sprachspiele
In einem Manuskriptband des Jahres 1950 notierte Wittgenstein den Satz: „Ein Sprachspiel: Darüber berichten ob ein bestimmter Körper heller, oder dunkler als ein andrer sei.“ (3; S. 19.) Interessant ist, dass Wittgenstein den Bericht über eine Hell-Dunkel-Differenz im Gesichtsfeld zur Mannigfaltigkeit der menschlichen Sprachspiele dazurechnet. Der Autor der Philosophischen Untersuchungen verknotet also die Analyse der Sprachspiele mit der Neugier für die verbale Gestalt der Farbspiele. In Paragraf 23 der Philosophischen Untersuchungen führt Wittgenstein den Terminus Sprachspiel ein. Das geschieht in zwei Schritten. Ihm liegt zuallererst daran, dass das Sprechen der Sprache als Teil „einer Tätigkeit, oder einer Lebensform“ bestimmt wird. (5; S. 110.) Wittgenstein ist ein Denker der Praxis. Für ihn ist der sprachlich verfasste Geist keine Realitäten außerhalb des Handelns der Menschen, sondern einfach nur eine Mannigfaltigkeit menschlicher und gesellschaftlicher Praxisformen. Sprachspiele entstehen im Dialog, im Austausch, in der Begegnung von Mensch zu Mensch. Wittgenstein erläutert den Terminus Sprachspiel im zweiten Schritt daher einfach dadurch, indem er eine umfängliche Reihe von Beispielen auflistet. Die stattliche Liste der Sprachspiele reicht vom „Befehlen, und nach Befehlen handeln“ über das „Berichten eines Hergangs“ oder „Über den Hergang Vermutungen anstellen“ sowie über das „Theater spielen“, „Reigen singen“ und „Rätsel raten“ bis zum „Bitten, Danken, Fluchen, Grüßen“ und „Beten“. (5; S. 110/111.) Die Liste ist so umfassend formuliert, dass auch das Berichten über das Malen eines Bildes und das Anstellen von Vermutungen über die Beziehung der Farben in einem Aquarell oder in einem Acrylbild nicht nur als Teil einer künstlerischen Tätigkeit, sondern auch als typisches Sprachspiel aufgefasst werden kann. Nicht nur dann, wenn wir einem Schauspiel im Theater beiwohnen, sondern auch dann, wenn wir eine Bildergalerie besichtigen und Betrachtungen über die farbigen Eigenschaften der gezeigten Werke anstellen, verwandeln wir im Selbstgespräch wie in geselligen Dialogen von Person zu Person Farbspiele in Sprachspiele.
5. Farbenoktaeder: Sechs Farben im Raum
Im ersten Halbjahr 1929 zeichnete Wittgenstein in einen Manuskriptband die Skizze eines Farbenoktaeders hinein. Der Körper besteht aus einem Quadrat, acht Dreiecken und sechs Ecken. An den höchsten Punkt schrieb der Philosoph den Buchstaben „w“ für Weiß und an den untersten Punkt die Buchstaben „sch“ für Schwarz. Die Ecken des Quadrats in der Mitte des Körpers besetzen die Buchstaben „bl“ für Blau, „gr“ für Grün, „gb“ für Gelb und „ro“ für Rot. Dazu notierte Wittgenstein einen Satz, der verdeutlicht, dass das räumliche Farbmodell für ihn die Aufgabe eines sprachanalytischen Modells besitzt: „Jeder Punkt auf der Oberfläche des Oktaeders stellt eine Farbe dar z. B. P ein weißliches Blaurot welches näher dem Rot als dem Blau ist.“ (3; S. 243.) Wittgenstein gibt sich nicht mit der Feststellung zufrieden: Wo eine Farbe ist, da kann keine andere Farbe sein. Ihm liegt an einem Modell, in dem alle basalen Farben notiert werden. Er vereinigt die unbunten Farben Weiß und Schwarz mit den vier grundlegenden bunten Farben Blau, Grün, Gelb und Rot. Sein Modell zeigt nicht nur die geometrischen Orte für die Mannigfaltigkeit möglicher Farbtöne auf, sondern es dient auch für den Nachweis, wie wir Namen für Farbtöne bilden, die sich nicht an den Ecken, sondern auf den Flächen des Oktaeders befinden. So markiert Wittgenstein den Punkt für ein: weißliches Blaurot, welches dem Rot näher als dem Blau ist. Das Modell Wittgensteins zur Analyse der Bildung von Bezeichnungen für die Farbtöne in unserem Gesichtsfeld geht auf die Farbenkugel von Philipp Otto Runge zurück. Dem Maler und Farbtheoretiker Runge gelang die Meisterleistung, durch seinen Griff zum Globus die bunten Farben und die unbunten Farben in seiner Systematik zu vereinigen. Diese Leistung des „talentvollen Malers“ (Goethe) machte sich Wittgenstein in seinen farblogischen Notizen zu eigen, als er sich in Cambridge im Jahr 1929 den Farbenoktaeder und damit ein räumliches Gebilde ins Manuskript zeichnete. Aber auch im März 1951 zitierte Wittgenstein aus dem berühmten Brief von Runge vom 03. Juli 1806 aus Wolgast an Johann Wolfgang von Goethe in Weimar den Satz: „Wenn man sich ein bläuliches Orange, ein rötliches Grün, oder ein gelbliches Violett denken will, wird einem zu Muthe wie bei einem südwestlichen Nordwinde.“ (6; S. 15. 4; S. 184. 1; S. 202.) In der Welt der Farben lässt sich nicht alles mit jedem vereinen. Es lassen sich auch nicht alle Farben miteinander vermischen. Kommt zu Orange ein Blau dazu, entsteht nur ein schmutziges Grau. Im Dialog der Farben herrschen Beziehungen und Ordnungen sowie Regeln, die sich auch in unserem Sprechen über Farben manifestieren.
6. Ein wenig Nolde und ein wenig Wittgenstein
Wer im Rhythmus des Jahres Blumen oder Wolken über dem Meer malt, denkt meist nicht an den Begriff der „Sprachspiele“ von Wittgenstein. Beim Malen der Blumengesichter im Wechsel der Jahreszeiten angefangen von den Christrosen über den Mohn bis zu den Malven und den Sonnenblumen zeigt sich aber, dass nicht nur Menschen soziale Wesenheiten sind, sondern dass auch die Farben richtige Persönlichkeiten darstellen. Die sechs Farben des Oktaeders treten uns als markante Wesen entgegen, die miteinander Beziehungen eingehen. Daher aquarellierte ich am 30. Januar 2023 die Sechs Farben im Raum. (2; S. 45.) Sie können sich oft gut vertragen, aber sie streiten zuweilen auch heftig miteinander. Ist ein Bild mit Blumenblüten fertiggestellt, könnte man meinen, dass die Farben hier laut und dort leise aufeinander einreden. Sie denken gar nicht daran ihren Mund zu halten. Farben schweigen nicht. Sie musizieren wie im Chor. Maler haben einen Sinn dafür. Sie haben ein Gespür für die Harmonie der Farben und das heißt für die Musik der Malerei. Beim Malen von Blumen ist für mich der Expressionist und Gartenfreund Emil Nolde ein starkes Vorbild und ein guter Lehrmeister. Beim Beschreiben von Blumenbildern empfinde ich jedoch auch Ludwig Wittgenstein als einen tüchtigen Ratgeber. Er fragt auf der Grundlage seines räumlichen Farbmodells immer wieder nach den hellsten Orten in einem Bild und nach ihrer Beziehung zu den dunkleren Regionen. Beim Vergleich von Farbflecken im Bildraum formuliert Wittgenstein nachdenkliche Sätze wie die folgenden: „Gelb z. B. ist heller als Rot. Ist Rot heller als Blau? Ich weiß es nicht.“ (6; S. 82.) Durch seine zahlreichen Bemerkungen über die Farben, die vom März 1950 bis zu seinen letzten Lebenstagen von Ende April 1951 entstanden sind, empfinde ich als philosophierender Maler den Logiker Ludwig Wittgenstein als einen der wichtigsten und scharfsinnigsten Analytiker des Selbstgesprächs der Farben im Sehfeld von uns Menschen.
06. April 2026
Bildnachweis
Kopfbild und Ludwig Wittgensstein Signatur aus Wikimedia, gemeinfrei.
Für die Aquarelle und Cover liegen die Rechte beim Autor.