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Aufgrünen der Bäume in Sorgenzeiten

Aufgrünen der Bäume in Sorgenzeiten

Dr. Konrad Lindner

Nachgefragt und nachgelesen bei Andreas Roloff

Andreas Roloff im Interview mit Konrad Lindner über das Aufgrünen der Bäume.  (1)
Andreas Roloff im Interview mit Konrad Lindner über das Aufgrünen der Bäume. (1)

Wir sind eingebunden in den Rhythmus der Natur. Auch inmitten der Corona - Krise, in der wir zu anderen Menschen Abstände wahren müssen, stärkt das Frühlingserwachen 2020 die Seelen. Das frühe Grün der Weiden, Birken und Kastanien, aber auch das späte Blätterkleid der Eichen weckt viele Emotionen. Andreas Roloff, Direktor des Forstbotanischen Gartens in Tharandt, kann aus seiner langjährigen Erfahrung berichten, was die Leute während der Frühlingsmonate am Leben der Bäume besonders bewegt. Bereits im März 2018 erzählte er mir bei einem Interview im Institut für Forstbotanik über die Bindung der Menschen an die Bäume: "Die wollen was Interessantes, die wollen was Schönes sehen, die wollen was fühlen, die wollen im Frühling Frühling fühlen: Wie sieht man das den Bäumen an? Also die Jahreszeiten jedenfalls werden von Bäumen maßgeblich mitbestimmt. Kirsche im Frühjahr ist der Inbegriff des Frühlings für viele Menschen. Also wenn man sich vorstellt, Jahreszeiten ohne Bäume, Herbstfärbung, Ahorn, Spitzahorn, ohne Bäume geht eigentlich gar nicht. Und so das Emotionale spielt eine große Rolle dabei." Eine einzige Kirschkrone kann eine Million Blüten hervorbringen. Ein Anblick, der bereits Vincent van Gogh in Ekstase versetzte. Er malte Birnbäume, Pfirsichbäume und Pflaumenbäume in ihrer blühenden Farbpracht. Seinem Bruder schrieb er im April 1888: "Ich bin in einer richtigen Arbeitswut, weil die Bäume blühen und weil ich einen provenzialischen Obstgarten von ungeheuerlicher Farbenfreudigkeit machen wollte".

Rosskastanie. (2)
Rosskastanie. (2)

Auch Andreas Roloff staunt in seinem Buch "Der Charakter unserer Bäume" (2017) wie ein Künstler. Er schwärmt in seinem Porträt über die Gewöhnliche Rosskastanie von "den großen kerzenartigen Blütenständen" der Kastanien, die Ende April oder Anfang Mai in hellem Cremeweiß leuchten. Für das Buch "Die starken Bäume Deutschlands" (2020) steuerte er aber auch das Porträt einer gigantischen Rosskastanie in Münster bei, die gerade in Blüte steht. Sehr beliebtist ebenfalls das zartgrüne Blattkleid der Birken. Berühmt als Maibaum. Symbol für Frühling und Frohsinn. Die Bäume grünen und blühen im Frühjahr aber nicht wahllosdrauflos. Sie registrieren das Ansteigen der Temperatur. Auf die zunehmende Tageslänge reagieren sie ebenfalls. Botaniker Andreas Roloff versucht zu beschreiben, wie gut die Wahrnehmung der Bäume funktioniert: "Der wichtigste Faktor für das Austreiben ist die Wärmesumme seit Jahresanfang. Also Bäume 'merken' in Anführungsstrichen halt, wieviel warme Tage es sind und irgendwann hat man ausgerechnet, das können die Biometeorologen relativ gut vorhersagen, eine Temperatursumme, wann zum Beispiel eine Rosskastanie blüht. Da müssen vorher bestimmte Grade zusammen gekommen sein, seit Jahresanfang und das passt ziemlich genau."

Felsenrobinie. (3)
Felsenrobinie. (3)

Weiden und Birken haben es mit dem Aufgrünen im Frühjahr sehr eilig. Die Bu chen und Eichen dagegen bilden erst spät ihr Laub aus. Noch länger zögert die Robinie. Der jeweilige Zeitpunkt resultiert aus dem frühen oder späten Vorhandensein der Leitungen für den Wassertransport. Birken besitzen wasserleitende Gefäße, die über den Jahresring zerstreut sind. Diese überstehen den Winter und sind im Frühjahr sofort einsatzbereit. Weiden und Birken, aber auch Hainbuche und Ahorn gehören zu den zerstreutporigen Baumarten, die meist frühzeitig ergrünen. Weiter Andreas Roloff: "Im Unterschied dazu gibt es ringporige Baumarten, die am Anfang des Jahrringes ganz große Gefäße entwickeln, in denen das Wasser transportiert wird und den Rest des Jahres relativ kleine. Und diese großen gehen im nächsten Winter kaputt. Deswegen müssen die ringporigen im Frühjahr erst einen neuen Jahrring anfangen aufzubauen mit neuen großen Wasserleitungsgefäßen. Damit sie das Wasserüberhaupt hochleiten können." Der Aufbau der Wasserleitungen benötigt Zeit, erklärt Andreas Roloff und zählt einige der Baumvertreter auf, die neue Gefäße für den Transport des Wassers bilden müssen. Erst dann können sie die ersten Blätter sprießen lassen: "Ringporige sind Eichen, Ulmen, Eschen. Esche ist die spätest austreibende einheimische Baumart. Teilweise Anfang Juni. Ist eine ringporige Baumart. Passt schon ganz gut."

Die altehrwürdigen Linden bilden einen Sonderfall. Sie verfügen zwar wie die Birken nach dem Winter immer noch über heile wasserleitende Gefäße. Dennoch treiben sie relativ spät aus. Umso beliebter sind die Blätter der Linden. Nicht zuletzt wegen ihrer markanten Herzform. In einer Lindenkrone können bis zu 100.000 Blattherzen versammelt sein. Vielleicht wegen des betörenden Blütendufts waren die Linden in der Vergangenheit immer auch ein Treffpunkt für Verliebte, wie Andreas Roloff in seinem Buch "Der Charakter unserer Bäume" im Porträt der Sommer- und Winterlinde erzählt. Noch immer sind Linden beliebte Bäume und noch bis heute gilt eine stattliche Linde vor dem Haus als Schutzsymbol.

Cover "Starke Bäume". (4)
Cover "Starke Bäume". (4)

Literaturhinweis:

Zum Aufgrünen und Aufblühen der Bäume im Verlauf des Frühjahrs finden die Leser bei Andreas Roloff Rat und Unterhaltung. Vor allem zwei seiner Bücher möchte ich empfehlen, weil die Bäume unserer Breiten anschaulich, ganzheitlich und eingebettet in die menschliche Kulturgeschichte in Text und Bild entdeckt werden. In dem Buch „Der Charakter unserer Bäume“ schildert er verständlich und vielschichtig, wie die Bäume die menschliche Lebenswelt im jahreszeitlichen Wandel beeinflussen. Sein Buch erschien 2017 im Verlag Eugen Ulmer in Stuttgart und enthält 120 Farbfotos. Es liegt seit Anfang 2020 noch ein weiteres Buch vor, das sich auch alle die mit Gewinn anschauen können, die das Haus gerade nicht verlassen wollen oder dürfen. 25 Baumkenner haben sich vereint und den großformatigen Bildband "Die starken Bäume Deutschlands" auf den Weg gebracht. Erschienen im Quelle & Meyer Verlag Wiebelsheim. 111 charakterstarke Bäume werden mit ihren Geschichten vorgestellt. Darunter auch eine Felsenrobinie in Grimma an der Mulde, die sich mit einer "Skulptur aus knorrigen Wülsten, Knollen und turbulenten Kehlen" an eine Steinwand heftet. Sie überlebt selbst dort, wo eigentlich gar kein Baum bestehen kann. Mit den genannten Baumbüchern von Andreas Roloff in der Hand können wir unsere Augen, Ohren und Nasen für die grünen Helden am Wegesrand gerade auch in diesem Frühjahr ein bisschen schärfen.


Bildrechte:

Die folgenden drei Baum-Aufnahmen sind in dem Buch "Die starken Bäume Deutschlands" veröffentlicht worden. Bildautor ist Professor Andreas Roloff, Tharandt.

(1) Frühes Weidengrün: Fahl-Weide S. 8.

(2) Blütenkerzenkosmos: Rosskastanie S. 123.

(3) Überlebenskünstlerin: Felsenrobinie S. 159.

Die weitere Aufnahme zeigt Andreas Roloff im Interview mit Konrad Lindner über das Aufgrünen der Bäume am 13. März 2018 in Tharandt im Forstbotanischen Institut. Die Bildrechte liegen beim Autor dieses Textes.

25. März 2020

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