Sachsen-Lese

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Kennst du Antoine
de Saint-Exupéry?

Karlheinrich Biermann

Großer Beliebtheit erfreut sich noch heute die Geschichte vom kleinen Prinzen, jenem philosophischen Märchen, das von Liebe, Freundschaft und Tod handelt. Darin geht Saint Exupery der Frage nach dem Sinn des Lebens nach und blickt zurück auf sein eigenes: das Abenteuer einer Bruchlandung, das Überleben in der Wüste, die Sehnsucht nach der verlorenen Liebe … all das war dem Autor nur allzu vertraut.

John Maynard

John Maynard

Theodor Fontane

John Maynard!

     „Wer ist John Maynard?“

„John Maynard war unser Steuermann,
Aushielt er bis er das Ufer gewann,

 

Er hat uns gerettet, er trägt die Kron’,

Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
               John Maynard.“

               *     *     *
   

 

  Die „Schwalbe“ fliegt über den Erie-See,
Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee,

 

Von Detroit fliegt sie nach Buffalo –

Die Herzen aber sind frei und froh,
Und die Passagiere, mit Kindern und Frau’n
Im Dämmerlicht schon das Ufer schau’n
Und plaudernd an John Maynard heran

 

Tritt alles: „Wie weit noch, Steuermann?

Der schaut nach vorn und schaut in die Rund’:
„Noch dreißig Minuten … Halbe Stund’.“

     Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei –
Da klingt’s aus dem Schiffsraum her wie Schrei,

 

„Feuer“ war es, was da klang,

Ein Qualm aus Kajütt’ und Luke drang,
Ein Qualm, dann Flammen lichterloh,
Und noch zwanzig Minuten bis Buffalo.

 

     Und die Passagiere, buntgemengt,

 

Am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt,

Am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,
Am Steuer aber lagert sich’s dicht,
Und ein Jammern wird laut: „Wo sind wir? wo?“
Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo,

 

     Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht,

Der Kapitän nach dem Steuer späht,
Er sieht nicht mehr seinen Steuermann,
Aber durchs Sprachrohr fragt er an:
„Noch da, John Maynard?“

 

                    „Ja, Herr. Ich bin.“

„„Auf den Strand. In die Brandung.““
                    „Ich halte drauf hin.“
Und das Schiffsvolk jubelt: „Halt aus. Halloh.“
Und noch zehn Minuten bis Buffalo.

 

„„Noch da, John Maynard?““ Und Antwort schallt’s

Mit ersterbender Stimme: „Ja, Herr, ich halt’s“
Und in die Brandung, was Klippe was Stein,
Jagt er die „Schwalbe“ mitten hinein,
Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.

 

Rettung: der Strand von Buffalo.


               *     *     *
     Das Schiff geborsten. Das Feuer verschweelt.
Gerettet alle. Nur Einer fehlt!

               *     *     *
     Alle Glocken gehn; ihre Töne schwell’n
Himmelan aus Kirchen und Kapell’n,

 

Ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt,

Ein Dienst nur, den sie heute hat:
Zehntausend folgen oder mehr
Und kein Aug’ im Zuge, das thränenleer.

     Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,

 

Mit Blumen schließen sie das Grab,

Und mit goldner Schrift in den Marmorstein
Schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:
     „Hier ruht John Maynard. In Qualm und Brand,
     Hielt er das Steuer fest in der Hand,

 

     Er hat uns gerettet, er trägt die Kron’,

     Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
               John Maynard.“

 

Bildnachweis

Kopfbild: Der Steuermann. Nach dem Gemälde von G. Alaux, erschienen in Die Gartenlaube, Heft 1, S. 36, 1899.

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