Sachsen-Lese

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Florian Russi
Papier gegen Kälte

Manfred Hoffmann, ehemals Klassenbester, ist ein angesehener Kinderarzt mit eigener Praxis und strebt nach dem Professorentitel. Stets bemüht, allen in ihn gesetzten Erwartungen zu entsprechen, steuert sein Leben in eine Sackgasse. Die jahrelange wissenschaftliche Arbeit erweist sich plötzlich als vergebens, sein Karriereaufstieg ist gefährdet, seine Ehe gescheitert, alle Erwartungen enttäuscht. Auf der Suche nach Genugtuung und nach Rechtfertigung begibt er sich auf Wege, die gefährlich weit in die Netze der organisierten Kriminalität ziehen.

Eine packende Mischung aus Entwicklungsroman und spannendem Thriller.

auch als E-Book erhältlich

Der gespenstige Leichenzug am Silvesterabend zu Schöneck

Der gespenstige Leichenzug am Silvesterabend zu Schöneck

Alfred Meiche

Es war im 18. Jahrhundert an einem Silvesterabend, da saß in der Stadt Schöneck ein alter, wackerer Schneider, zugleich Stadtrat und Gemeindeältester, mit seiner getreuen Ehehälfte im Rauch gebräunten Stübchen und schneiderte noch für den Festtag. Im großen Kachelofen prasselte ein gemütliches Feuer, und in der Röhre sang der Kaffee gar lustige Liedlein.

Ansicht Schöneck.
Ansicht Schöneck.

 

Auf einmal erhob sich die Hausmutter. Kramte herum, suchte und suchte und machte ein verdrießliches Gesicht. Vergeblich, sie fand nicht das Kamelgarn zu den Knopflöchern.

Neues fand sich nur oben auf den Boden. Deshalb musste der Vater hinauf. Oben stand er in der schönen Winternacht an der Dachluke, und es wurde ihm so wunderlich im Herzen, er musste sein Käppchen abnehmen und ein stilles Vaterunser beten. Wenn man aber zur Neujahrsnacht unter einem Balken steht, dessen eines Ende nach Morgen gerichtet ist, und ein Vaterunser betet und nicht aus der Linie des Balkens heraustritt, so kann man „horchen“, das heißt, einen Blick in die Zukunft tun, die in einzelnen Bildern vorüber zieht. Tritt man aber aus dem Kreis heraus, oder erzählt man, was man gesehen hat, so soll‘s einem den Hals umdrehen.

Der Alte hatte gar nicht daran gedacht – aber auf einmal, da fängt‘s an zu läuten, als ob eine Leiche wäre, und den Mühlberg kommt ein langer, langer Leichenzug, immer näher und näher, bis er endlich vor dem alten Schneiders Haus anhält. Es dauert auch nicht lange, so kommt die Schule und die Geistlichkeit, mit dem Kreuz voran, stellen sich neben der Bahre auf, singen zwei Lieder und eine Arie, und dann setzt sich der Zug in Bewegung nach dem Kirchhof zu.

 

Der Alte kann die Leichenbegleiter alle erkennen, Vettern, Nachbarn, Gevattern, ja sogar sich selbst und seine Ehehälfte darunter, sich selbst dicht hinterm dem Sarge und mit weinenden Augen. Da ward‘s ihm doch ein wenig bange, und er wäre gern fortgegangen; aber es fiel ihm noch zu guter Zeit das Halsumdrehen ein. Wie er nun so trübselig dastand und träumerisch hinaus blickte, sah er aus einem Haus ein Flämmchen herausfahren, dann aus einem andern, dann wieder eins und wieder eins, und zuletzt kam fast aus jedem Haus eine Flamme gefahren, und das, er wusste es wohl, bedeutet Feuer.

Dann konnte er sich dann doch nicht mehr halten, sprang aus dem Kreise, und – es schlug eins! Als er wieder herunter kam, war seine alte Ehehälfte eingeschlafen; er weckte sie auch nicht erst auf, sondern ließ die Arbeit sein und legte sich nieder, konnte aber nicht schlafen, war früh verstimmt, ging auch nicht in die Mette, sondern saß still und traurig zu Hause.

Als er nach einigen Tagen den Wächter traf, tat dieser sehr geheimnisvoll und beklommen und meinte: „Meister, Meister! ‘s wird ä schlecht Jahr für euch und für uns all! Der liebe Gott behüt‘ uns und die Stadt. Mehr darf ich nit sagen: Aber wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallet!“ Der hatte auch gehorcht und so noch andere.

 

Es dauerte auch nur wenige Wochen, da starb des alten Schneiders Bruder, der Müller unten in der Bockmühle. Es wurde zur Leiche geläutet, den Mühlberg herauf kam ein langer Zug, der vor des Alten Haus anhielt. Es kam die Schule und die Geistlichkeit voran, die stellten sich auf, sangen dieselben zwei Lieder und dieselbe Arie, dieselben Leute gingen hinter dem Sarg her, der Alte mit entblößtem Haupt und weinenden Auges. Der alte Wächter aber stand am Kirchhoftor, sah den Alten verständnis- und geheimnisvoll an und weinte so heftig, dass die Leute gar nicht begreifen konnten, wie ihm der Tod des Bockmüllers so zu Herzen gehen könne.

Der hatte aber seinen Grund, traurig zu sein, denn er wusste, was geschehen würde. Es geschah auch. In demselben Jahr noch ist fast die ganze Stadt abgebrannt und des Alten Haus dazu. Es war nur gut, dass es gerade eins schlug, als er aus dem Kreise sprang; sonst wäre es für ihn noch schlimmer geworden.

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