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Jan Brademann (Hg.)
Weibliche Diakonie in Anhalt
Zur Geschichte der Anhaltischen Diakonissenanstalt Dessau

Das vorliegende Buch bietet erstmals eine wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit des Dessauer Mutterhauses, seiner Tochteranstalten und ihrer wichtigsten Akteure, der Diakonissen. Einzelstudien nähern sich der weiblichen Diakonie in Anhalt sowohl auf sozialer als auch auf politischer und organisatorischer Ebene. In zwei lebensgeschichtlichen Interviews kommen die Diakonissen zudem selbst zu Wort. Schließlich wird der Blick auf eine Gegenwart gerichtet, der die Diakonissen fremd geworden zu sein scheinen, und auf eine Zukunft, in der ihr Erbe dennoch bewahrt werden soll.

Die Entwicklung der Stadt Chemnitz

Die Entwicklung der Stadt Chemnitz

Henner Kotte

Stolz und Vorurteil

Seit je hatte es die kleinste der drei Sachsenmetropolen schwer. „In Chemnitz wird gearbeitet, in Leipzig verkauft und in Dresden verprasst.“ Spötter meinen, es hat sich wenig dran geändert. Während Elbflorenz und Hypzig in neuem Glanze Bewohner und Besucher locken, verleiht man der Stadt an der Chemnitz wenig schmeichelnde Titel: Celle des Ostens oder Minsk des Westens. Man bezeichnet sie als Holde unter den Unholden oder als die Schöne unter den Blinden.

Der anreisende Journalist meint: „Die Welt wird langsam blass und immer grauer, Chemnitz kann nicht mehr weit sein. Eine Stadt mit einer Aura, wie sie nur wenige Orte auf der Welt ausstrahlen – Tschernobyl vielleicht, manche Teile Nordkoreas oder Stalingrad im Winter 43. Chemnitz hat von allem etwas. Abseits der Plattenautobahn erwarten den Besucher verwilderte Alleen, an deren Rändern sich kleine Kreuzchen und Bäumchen stetig abwechseln: eine Birke, der Ronny, eine Pappel, der Enrico, ein Ahorn, die Jenny, eine Buche, der Jens …?“ Gemeinhin wird Chemnitz als Ausgangspunkt zum Wanderurlaub ins Erzgebirge, zum Wintersport oder Rastplatz empfohlen. „Chemnitz ist eine zweckmäßige Stadt. Besuchen kann man sie oder auch nicht“, sagt der Tourist.

„Jeder in der Zone wusste, wenn er erst einmal in Chemnitz landete, wäre es um ihn geschehen. Inoffiziell war Karl-Marx-Stadt eine Art Gulag, in welchen man gern unliebsame Zeitgenossen verbannte.“ Marketingexperten und StadtväterInnen haben es angesichts solcher Worte schwer, den festsitzenden Vorurteilen zu begegnen. Stadt der Moderne haben sie deshalb Chemnitz als Attribut dazugegeben und verweisen auf Technik, Patente und Kunst, Glasfassaden, Universität und Industrie. Auch ihr Slogan Chemnitz zieht an versucht, an Traditionen anzudocken. Doch Schwarzseher bleiben dabei: „Übersetzt bedeutet der wohlwollend formulierte Werbetext: ‚Eine Stadt, in der Hartz-IV-Empfänger munter drauflosrammeln, die aber trotzdem verschnarcht geblieben ist und in weiten Teilen verlassen wurde. “

Tatsächlich hat die Stadt 20 Prozent ihrer Einwohner verloren, durch Tod oder Abwanderung. Tatsächlich produziert man in den gründerzeitlichen Fabrikhallen nimmer. Tatsächlich besteht das Stadtzentrum zwischen Automatenspielhölle und Schnäppchenexpress aus einem tiefen, tiefen Loch, in das weder Sozialismus noch neue Ordnung Bauten zu stampfen vermochten.

Trotz wenig schmeichelhaftem Leumund: Chemnitz kann sich zeigen. Die Stadt „gehört heute zu den bedeutendsten ostdeutschen Wachstumskernen. Die Steigerungsraten beim Bruttoinlandsprodukt, Industrieumsatz und Export sind Spitzenwerte in Deutschland“. 7.000 Unternehmen haben sich gegründet, namhafte Industrie angesiedelt. Die Universität macht ihren guten Ruf stets besser. Die Forschung verweist auf Excellenz- und Spitzencluster. Galerien zeigen weltweit Kunst. Die Bühnen steigen im Ranking. Die Stadt ist grün, lädt ein.

Sagte einst ein großer Dichter: „In Chemnitz zu leben ist, wie einer Pflaume beim Schimmeln zuzusehen.“ So kann dem entgegnet werden: Pflaumen schmecken süßer noch als Kuchen. Und Schimmel macht aus Käse Delikatessen.

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Textquelle

Kotte, Henner: Chemnitz: Die 99 besonderen Seiten der Stadt, Halle: Mitteldeutscher Verlag, 2017.


Bildquelle

Vorschaubild: Das ehemalige Karl-Marx-Forum mit dem 1971 eingeweihten Karl-Marx-Monument, 2015, Urheber: Sandro Schmalfuß via Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0.

Einstiges Fabrikantenwohnhaus zur ehemaligen Gießerei, Annaberger Straße 346. Sanierungsbedürftig-Leerstehendes Wohnhaus. Kulturdenkmal Chemnitz Harthau, 2015, Urheber: (dwt) via Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0.

Bau des Gebäudes für die SED-Bezirksleitung an der Ernst-Thälmann-Straße, 1963, Urheber: Friedrich Gahlbeck via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0 de.

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